Von Barmbek nach Bonn

Ein Großteil der biografischen Literatur schreibt dem jungen Schmidt jene Eigenschaften zu, die den späteren Politiker charakterisieren: eine rasche Auffassungsgabe, Zielstrebigkeit, großes Selbstbewusstsein und Neugier gepaart mit jener Kommunikationsfähigkeit, für die Schmidt bis heute steht. Nach acht Jahren als Soldat bei der Wehrmacht und kurzer Kriegsgefangenschaft tritt er in die sozialdemokratische Partei ein. Er absolviert ein Studium der Volkswirtschaft in seiner Heimatstadt. Auf eine kurze Karriere in der Hamburger Verwaltung folgt Schmidts Aufstieg in der SPD, der ihn schon bald in hohe Partei- und Staatsämter führt. Schmidt ist überzeugter Vertreter der repräsentativen Demokratie. Das bringt ihn jedoch bald in Gegensatz zu einer gesellschaftlichen Basisbewegung, die mehr politische Teilhabe fordert. Deren politischen Ideologien steht Schmidt skeptisch gegenüber: Nach seinem Erleben von Krieg und Diktatur misstraut er den großen Gesellschaftsentwürfen des 20. Jahrhunderts.  

Papiernes Vermächtnis

Erster Standort des Helmut Schmidt-Archivs ist das Hamburger Wohnhaus des Namensgebers, 2007 eröffnet ein eigens errichteter Anbau. Neben Familiendokumenten und Fotoalben sind rund 3.500 Aktenordner überliefert, deren zeitliche Spanne vom Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 bis zum Todesjahr 2015 reicht. Die gezeigte Textauswahl orientiert sich an den von Schmidt eingeführten Kategorien »Dossiers«, »Eigene Arbeiten«, »Korrespondenz« und »Presse-Echo«, enthält aber ergänzend auch Material aus anderen Archiven.

1939–1945 Pflicht und Gewissen im Zweiten Weltkrieg

Helmut Schmidt dient seit 1940 als Offizier bei der Luftwaffe; ein knappes Jahr verbringt er im Fronteinsatz. Vor allem in seinen späten Jahren spricht er jedoch stets vom »Scheißkrieg«. Die Erfahrung von NS-Diktatur und Krieg prägen sein Handeln als Politiker: Er hält die Deutschen aufgrund ihrer Geschichte weiterhin für ein von undemokratischen Kräften »gefährdetes Volk«. Der Staat müsse deshalb vor allem für wirtschaftliche und politische Stabilität sorgen.

Feier zum zehnten Geburtstag, Hamburg, 1929

Geistige Nahrung

Schon als Schüler liest Helmut Schmidt historische Bücher und Klassiker der Weltliteratur. Die Leidenschaft für das Lesen – und das Schreiben – zeichnen später auch den Politiker aus, obwohl die Zeit dafür stets knapp ist. Gezeigt werden hier Nachschlagewerke und Bände der »Hausapotheke«, seiner Lieblingsphilosophen, mit denen Schmidt sich in Büros und Arbeitszimmern umgab. Dazu kommt eine Auswahl an Biografien und von ihm selbst verfasste Werke.

Offizier der Wehrmacht

Im Februar 1940 wird Helmut Schmidt zum Leutnant der Reserve befördert, in dessen Uniform er hier zu sehen ist. Nach Abitur und Reichsarbeitsdienst absolviert Schmidt ab November 1937 eine zweijährige Wehrpflicht. Anschließend möchte er eigentlich Architektur studieren. Doch es kommt anders: Deutschland überfällt im September 1939 sein Nachbarland Polen und beginnt so den Zweiten Weltkrieg. Sechs Monate lang kämpft Schmidt 1941/42 als Kommandeur einer Flugabwehr-Batterie in der Sowjetunion. Kurz vor Kriegsende wird er an die Westfront versetzt, wo er auch in Kriegsgefangenschaft gerät. Die längste Zeit des Kriegs dient er an der sogenannten Heimatfront.»Verwandlungen«, persönliche Aufzeichnungen, vermutlich aus dem Jahr 1945  

Facetten eines Jahrhundertlebens

Eine Auswahl von Alltagsgegenständen, Erinnerungsstücken und Kunstwerken veranschaulicht Lebensstationen Helmut Schmidts zwischen Kriegsgefangenschaft und Weltpolitik. Hinter jedem der über 6.300 Gegenstände im Langenhorner Doppelhaus verbirgt sich eine eigene Geschichte, zwölf davon werden hier von Weggefährtinnen und Zeitzeugen erzählt.Bei einigen der gezeigten Objekte handelt es sich um Reproduktionen, da die sensiblen Originale geschützt für die Nachwelt erhalten bleiben sollen.  

Andrang vor dem Arbeitsamt, Berlin, 08.02.1982

Noch nie seit Gründung der Bundesrepublik ist die Zahl der Arbeitslosen in der Bundesrepublik so hoch wie im Jahre 1982: Knapp zwei Millionen Menschen sind ohne Beschäftigung. Schmidt sieht die politische Stabilität im Land bedroht. In seiner Kindheit hat er miterlebt, was Massenarbeitslosigkeit bedeutet und wie sie politische Radikalisierung befeuern kann. Unter seiner Führung bekämpft die sozial-liberale Koalition die schwere Wirtschaftskrise durch eine Mischung staatlicher Investitionsprogramme und marktwirtschaftlicher Liberalisierungsmaßnahmen. Die Bundesrepublik meistert die Krise schließlich besser als die meisten anderen Industriestaaten.

Mit Vertrauensleuten der Bundeswehr, Koblenz, 22.11.1970

Unmittelbar nach Amtsantritt macht sich Helmut Schmidt an sein Reformwerk für die Streitkräfte. Es geht ihm auch um mehr Transparenz und Teilhabe für die Soldaten. Der Verteidigungsminister trifft dabei auf viele Widerstände; mediengewandt und zupackend zugleich, gewinnt Schmidt jedoch Respekt und Popularität nicht nur in der Truppe.

Im Hubschrauber über der Sturmflut, Hamburg, 17.02.1962

Schmidt übernimmt als Polizeisenator die Koordination der bereits begonnenen Rettungsaktionen und fordert zusätzliche Hilfen bei der Bundeswehr sowie bei NATO-Partnern an. Um selbst ein genaueres Bild vom Ausmaß der Krisenlage zu bekommen, lässt er sich am ersten Tag der Flutkatastrophe über die Hochwassergebiete fliegen. Die stilisierte Libelle an der Vordertür ist ein Staffelabzeichen der »Flugzeugführerschule S«, wo Piloten der Luftwaffe für den Einsatz ausgebildet werden

1974–1982 »Entrüstung« gegen »Nachrüstung«

Angesichts neuer sowjetischer Atomwaffen vom Typ SS-20 fordert Helmut Schmidt eine entschiedene Reaktion des westlichen Militärbündnisses. Daher sieht der NATO-Doppelbeschluss von 1979 neben Bemühungen um »Rüstungskontrolle« auch die »Modernisierung« des eigenen Arsenals durch Pershing II-Raketen vor. Schmidts Festhalten an der Politik der »Abschreckung« führt zu wachsender gesellschaftlicher wie innerparteilicher Kritik – und trägt damit zum Ende der sozial-liberalen Koalition 1982 bei.

Politik mit Musik

Anfang der 1980er-Jahre erscheinen während der »Nachrüstungs«-Debatte gleich mehrere erfolgreiche Titel, die sich mit Fragen von Krieg und Frieden auseinandersetzen. Die Lieder von bots, Nena und Udo Lindenberg halten sich monatelang in den bundesrepublikanischen Charts; Nicole gewinnt 1982 sogar als erste Deutsche überhaupt den »Eurovision Song Contest«. Weit weniger kommerziell angelegt ist hingegen der Beitrag von Joseph Beuys, Aktionskünstler und Mitbegründer der Partei DIE GRÜNEN.

1974–1982 Stabilität um jeden Preis?

Eine gesicherte Energieversorgung gilt Helmut Schmidt als Basis für Wachstum und Wohlstand. Auch Industrie und Gewerkschaften versprechen sich vom Kernkraft-Ausbau bezahlbaren Strom sowie eine geringere Abhängigkeit von Kohle und Öl. Dagegen betont die Anti-Atomkraft-Bewegung mögliche Gefahren für Mensch und Umwelt sowie die ungelöste Frage der Endlagerung radioaktiver Abfälle. An geplanten Nuklearstandorten wie Brokdorf und Gorleben kommt es zu teils gewalttätigen Auseinandersetzungen

Tatort der Schleyer-Entführung, Köln, 05.09.1977

Ein RAF-Kommando entführt 1977 den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer nahe seines Kölner Wohnsitzes und tötet dabei drei Personenschützer sowie einen Fahrer. Am Tatort sind noch die zerschossenen Scheiben und mehrere Waffen auf dem Kofferraum eines der Fahrzeuge zu erkennen. Die Bundesregierung verweigert die geforderte Freilassung von inhaftierten Mitgliedern der Terrorgruppe; Schleyer wird nach sechs Wochen Geiselhaft ermordet im französischen Mulhouse aufgefunden.

1972–1982 Visuelle Streitkultur

Im Wahlkampf nutzen die Parteien vor allem Plakate als optisch ansprechendes Massenmedium. Dabei polarisieren die Person und Politik Helmut Schmidts: Die SPD betont staatstragend die Kompetenz erst des Ministers und dann des Kanzlers in Finanz- und Wirtschaftsfragen. Hingegen bestreitet die oppositionelle CDU/CSU gerade diese Befähigung – und damit seine Glaubwürdigkeit insgesamt. Auch ein Künstler, zwei außerparlamentarische Gruppen sowie die FDP nutzen Schmidt als Aufhänger für ihre jeweiligen Botschaften.

Als neuer Mitherausgeber der »ZEIT«, Hamburg, 09.05.1983

Wenige Monate nach Ende der Kanzlerschaft findet Schmidt im Mai 1983 eine neue verantwortungsvolle Tätigkeit: Er wird Mitherausgeber der renommierten Hamburger Wochenzeitung »DIE ZEIT«. Auf dem Schreibtisch liegt wie zufällig die Ausgabe, in der sein erster Artikel »Der Westen ist nicht schwach« erscheint. Insgesamt veröffentlicht Schmidt rund 300 längere Beiträge besonders zu Fragen der Europa-, Verteidigungs- und Weltwirtschaftspolitik, darunter auch Vorabdrucke aus seinen zahlreichen Büchern.

Fotoalbum (1918–1940)

Helmut Schmidt stammt, wie er selbst formuliert, aus dem Hamburger Kleinbürgertum. Seine Eltern leben ihm und seinem Bruder Wolfgang vor, dass gesellschaftlicher Aufstieg durch Fleiß und harte Arbeit möglich ist. Nach einem solchen Bildungsideal wird auch Hannelore »Loki« Glaser erzogen. Die beiden lernen sich in der fünften Klasse der Lichtwarkschule kennen; ihre Freundschaft mündet 1942 in eine Ehe, die 68 Jahre Bestand haben wird.Die Fotos von Helmut und Loki Schmidt werden bei der Bombardierung Hamburgs 1943 zerstört. Von Seiten der Glasers sind nur wenige Bilder überliefert. Die hier gezeigten Aufnahmen stammen von den Eltern Helmut Schmidts bzw. der Familie der Mutter Ludovika (geborene Koch). Im Helmut Schmidt-Archiv finden sich rund 300 Fotoalben und geschätzte 100.000 Einzelfotos. Wir zeigen hier eine eigene Zusammenstellung der frühen Familienbilder.  

Abschied aus dem Kanzleramt, Bonn, 04.10.1982

Mit dem Ausscheiden der Freien Demokraten aus der sozial-liberalen Koalition verliert Schmidt am 1. Oktober 1982 das Kanzleramt an den CDU-Politiker Helmut Kohl. Drei Tage später geht er nach der offiziellen Verabschiedung noch einmal durch den Park des Regierungssitzes zurück zum Kanzlerbungalow. Links neben ihm ist mit Blumenstrauß in der Hand der Polizeibeamte Ernst-Otto Heuer zu sehen, der die Familie Schmidt noch bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2000 als Personenschützer begleitet.

1969–1972 Stratege und Reformer

Der Bundestag beschließt 1955 die Gründung der Bundeswehr. Helmut Schmidt erkennt während der Blockkonfrontation des »Kalten Krieges« früh die Bedeutung der Sicherheitspolitik. Er wird zum Experten für internationale Strategiefragen. Seit 1969 Verteidigungsminister in der sozial-liberalen Koalition, will er die Streitkräfte demokratisieren und leitet zahlreiche Reformen ein. Mit seinen Entscheidungen eckt er an: bei Teilen der Bundeswehrführung, bei seiner eigenen Partei sowie bei der außerparlamentarischen Opposition (APO).

Kernenergie und Demokratie

Mit einer Vielzahl bürokratischer und juristischer Maßnahmen bringt der Staat die Bevölkerung laut diesem Anti-Atom-Transparent von 1981 um ihre Rechte: Das Grundgesetz falle in einem solchen nur vermeintlichen »Bürgerdialog« bildlich gesprochen vom beziehungsweise unter den Tisch. Ähnlich argumentiert bereits 1977 der Zukunftsforscher Robert Jungk in seinem einflussreichen Buch »Der Atom-Staat«, dass die zum Betrieb von Nuklearanlagen notwendige Überwachung die demokratische Ordnung bedrohe.

1972–1974 Abschied vom »Wirtschaftswunder«

Helmut Schmidt muss als Finanzminister mit einer globalen Wirtschaftskrise fertig werden: Extrem steigende Energiepreise sowie die hohe Inflation insbesondere in den USA bedrohen nicht nur in der westlichen Welt Wachstum und ökonomische Stabilität. Ursachen hierfür sind unter anderem die Kriege in Vietnam und Nahost. Zur gleichen Zeit warnen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erstmals öffentlichkeitswirksam vor dem Raubbau an der Natur und den »Grenzen des Wachstums«.

Schmidt! Demokratie leben.

Die meisten Menschen verbinden mit Helmut Schmidt wohl den »Krisenmanager« mit Elblotsenmütze und Zigarette oder den ehemaligen Spitzenpolitiker, der einem breiten Publikum die Welt erklärt. Schmidts Name steht aber für viel mehr: für Meilensteine der europäischen Einigung ebenso wie für sein oft weitsichtiges Handeln im Kontext großer internationaler Herausforderungen. Schmidt lebte für die parlamentarische Demokratie mit ihren Grundprinzipien von Dialog und Kompromiss. Als Pragmatiker und Realpolitiker war er auch über seine eigene, sozialdemokratische Partei hinaus anerkannt. Grundlegend war für den Politiker, Publizisten und Elder Statesman die Meinungs- und Pressefreiheit, die vor allem in seinen jungen Jahren scharf, später meist nüchtern und sachorientiert geführte Debatte. Die Ausstellung »Schmidt! Demokratie leben« vermittelt Einblicke in ein Jahrhundert deutscher und internationaler Zeitgeschichte und wirft Schlaglichter auf die – noch immer höchst aktuellen – Konfliktthemen vor allem der 1970er- und 1980er-Jahre. Ganz im Sinne Schmidts laden wir unsere Gäste auch zur Diskussion ein und stellen Fragen zur Zukunft der Demokratie in Deutschland, Europa und der Welt.  

Joseph Beuys: »Sonne statt Reagan«, 1982

1979–1982 Krisen, Revolutionen, Strukturwandel

Schwere politische Krisen fordern die sozial-liberale Koalition unter Kanzler Helmut Schmidt heraus: Ein erneuter Anstieg der Ölpreise schwächt die Unternehmen; der Niedergang vieler Industriezweige wie Schiffbau oder Textilverarbeitung vernichtet Arbeitsplätze. Internationale Krisen und Konflikte schränken Handlungsspielräume massiv ein. Schmidt erkennt früh, dass nationalstaatliche Lösungsansätze allein nicht ausreichen. Er setzt auf den intensiven Austausch mit Partnern innerhalb der Europäischen Gemeinschaft und sucht auf internationaler Ebene nach Auswegen.

Beim Aktenstudium im Regierungsflugzeug, 22.09.1976

Schmidt nutzt Reisezeiten zur Lektüre von Unterlagen, was einen bedeutenden Teil der Regierungsarbeit ausmacht – darunter die tägliche »Kanzlermappe« mit einer umfangreichen Auswahl von Medienartikeln zu aktuellen Themen. Sein Dienstkalender vermerkt für diesen Tag einen Termin mit Innenminister Werner Maihofer beim Bundeskriminalamt in Wiesbaden. Begleitet wird er zu solchen Anlässen von Fotografen des Presse- und Informationsamts, deren Kanzlerbilder ausdrücklich für die Öffentlichkeit bestimmt sind.

Polizeischutz für eine Baustelle, Kalkar, 24.09.1977

Bei einer internationalen Anti-Atom-Kundgebung im niederrheinischen Kalkar kommt es 1977 zum größten Polizeieinsatz der bisherigen Nachkriegsgeschichte. Die Behörden erlassen ein Demonstrationsverbot direkt am Reaktorbauplatz, der neben Betonzäunen und Wassergräben zusätzlich durch Absperrketten und Räumpanzer gesichert wird. Angesichts solcher Bilder mehren sich die Stimmen, die durch den erheblichen Schutzbedarf der Nukleartechnologie das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit eingeschränkt sehen.

1949–1969 Zeitgeschichte im Großformat

Politische Plakate sind breitenwirksame Werbemittel und wichtige historische Quellen. Mit anschaulicher Bildsprache und knappen Texten sollen sie die Öffentlichkeit emotional gewinnen statt neutral informieren. Die präsentierten Beispiele werfen Schlaglichter auf zentrale Ereignisse und Debatten in den ersten beiden Jahrzehnten der Bundesrepublik Deutschland: Wahlkämpfe der großen Parteien CDU und SPD, Westintegration und Europäische Einigung sowie die Kontroverse um die »Notstandsgesetze«.

Amtseid im Bundestag, Bonn, 16.05.1974

Bei der Vereidigung zum fünften Bundeskanzler durch Bundestagspräsidentin Annemarie Renger (SPD). Schmidt hatte sich durch seine schnelle Auffassungsgabe, Sachkompetenz, Fleiß und Ehrgeiz schon früh für diese höchste Aufgabe empfohlen. Seine erste Regierungserklärung steht unter dem Motto »Kontinuität und Konzentration«. Inhaltlich knüpft er an die Politik seines Vorgängers Willy Brandt an. Jedoch begrenzt die globale Wirtschaftskrise aus seiner Sicht vor allem sozialpolitische Handlungsspielräume. Schmidt unterscheidet sich von Brandt durch einen nüchternen und pragmatischen Politikstil. So setzt er weniger auf die emotionale Ansprache und statt einer Kultur von Ausgleich und Kompromiss im Kabinett betont er die Notwendigkeit politischer Führung.

»Dringend gesucht«

Polizei und Staatsanwaltschaft setzen bei ihren großangelegten Fahndungen nach RAF-Mitgliedern auf die Unterstützung der Öffentlichkeit. Plakate wie dieses aus dem Jahr 1978 hängen an Grenzübergängen sowie Bahnhöfen im ganzen Land; bald sind die hier aufgeführten Gesichter und Namen aus der »zweiten Generation« der Terrorgruppe bundesweit bekannt. Um sachdienliche Hinweise auf die steckbrieflich Gesuchten zu erlangen, lassen die Behörden zudem Handzettel auf Plätzen und Märkten verteilen.

1945–1969 Bonner Republik

Fast dreißig Jahre lang ist Helmut Schmidt politisch auf der Bundesebene aktiv. Seine Karriere im Parlament beginnt 1953 als Experte für Infrastruktur und Verkehr; bald arbeitet er sich auch in komplexe Fragen der Verteidigungs- sowie der Finanzpolitik ein. Pragmatische Ansätze und persönliche Netzwerke helfen Schmidt auf dem Weg vom Abgeordneten bis an die Spitze der SPD-Fraktion, bevor er 1969 sein erstes Ministeramt in der sozial-liberalen Koalition unter Kanzler Willy Brandt übernimmt.

1945–1969 Hamburger Jahre

Schon als Student der Volkswirtschaft und Staatswissenschaften engagiert sich Helmut Schmidt politisch in der Geburtsstadt. Nach zwei Wahlperioden als SPD-Abgeordneter in Bonn zieht es ihn 1961 zurück nach Hamburg, um das Amt des Polizei- und später des Innensenators zu übernehmen. Im Jahr darauf erfährt sein entschlossenes Handeln bei der Flutkatastrophe und der »SPIEGEL-Affäre« auch überregionale Anerkennung. Als Schmidt 1965 wieder in die Bundespolitik wechselt, bleibt er der Heimatstadt eng verbunden.

Treffen von fünf ehemaligen Spitzenpolitikern, 29.08.1983

Bereits in seinem ersten Jahr »außer Dienst« reist Schmidt zu einer prominent besetzten Konferenz in die USA: dem von Gerald Ford ins Leben gerufenen »World Forum« in Vail im Bundesstaat Colorado. Der ehemalige US-Präsident hat in der Nähe des mondänen Skiorts einen Wohnsitz und lädt auch frühere Amtskollegen zu dem jährlichen Treffen von Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik ein. Auf der Veranstaltung werden langfristige weltpolitische Entwicklungen diskutiert, 1983 üben die Ehemaligen aber auch Kritik an der Regierung des amtierenden US-Präsidenten Ronald Reagan. Am Rand der Konferenz unterhalten sich auf der Terrasse von Fords Anwesen die fünf Freunde (von links nach rechts): Gerald Ford (US-Präsident 1974–1977), Valéry Giscard d‘ Estaing (französischer Staatspräsident 1974–1981), Helmut Schmidt (deutscher Bundeskanzler 1974–1982), Jim Callaghan (britischer Premierminister 1976–1979) und Malcolm Fraser (australischer Premierminister 1975–1983).  

Fernseh-Beziehung im Kanzlerbungalow, Bonn, 06.05.1975

Lange Arbeitszeiten und häufige Abwesenheiten gehören für Schmidt zu den Begleiterscheinungen, die ein Leben als Berufs- und Spitzenpolitiker unvermeidlich mit sich bringt. Während auf dem Bildschirm eine Rede des Kanzlers läuft, blickt seine Frau Loki in Richtung des Fotografen – und damit auch zur Öffentlichkeit. Schauplatz der Aufnahme vor zeittypischem Interieur ist der im weitläufigen Park des Kanzleramts gelegene Bungalow, der als Dienstwohnung und für offizielle Empfänge genutzt wird.

Global vernetzt

Auch nach der Kanzlerschaft ist Helmut Schmidt viel unterwegs: Zwischen 1982 und 2015 unternimmt er weit über 1.000 Reisen ins In- und Ausland. Dabei pflegt er alte Kontakte, baut als Elder Statesman aber auch neue Netzwerke auf. Dokumentationen im eigenen Archiv und Einträge in seinen Kalendern ermöglichen präzise Einblicke in diese Aktivitäten. Während Schmidt bestimmte Städte und Länder immer wieder besucht, sucht er andere Weltregionen – vor allem auf der Südhalbkugel – kaum auf. Diese Karte zeigt eine Auswahl von Orten, die Schmidt in den Jahren nach seiner Kanzlerschaft häufig bereist hat oder die für ihn mit besonders wichtigen Themen verbunden sind.

Sonntagsfahrverbote in Deutschland, 1973

Sonntagsfahrverbote angesichts der Ölpreiskrise halten um den Jahreswechsel 1973/74 ganz Europa in Atem. Angesichts der Energiekrise sucht Schmidt nach Lösungen auf europäischer und transatlantischer Ebene: Denn wenn jedes Land einzeln Energiepreise verhandele, könnten die jeweiligen nationalen Interessen gegeneinander ausgespielt werden. Gemeinsam mit seinem Freund und Amtskollegen, dem französischen Finanzminister Valéry Giscard d’Estaing, ist er ein Wegbereiter der späteren Weltwirtschaftsgipfel.

»Außer Dienst«

Nach fast 30 Jahren als Berufspolitiker verabschiedet sich Helmut Schmidt nach dem »Konstruktiven Misstrauensvotum« vom 1. Oktober 1982 als Bundeskanzler. Alle Versuche, ihn 1983 zu einer erneuten Kandidatur gegen seinen Nachfolger Helmut Kohl (CDU) zu überreden, scheitern.Bereits einige Monate vor seiner Abwahl hat der Hamburger Verleger Gerd Bucerius Schmidt den Posten des Mitherausgebers der Wochenzeitung DIE ZEIT angeboten. Der seit 1973 dort bereits amtierenden Marion Gräfin Dönhoff ist er seit Jahrzehnten eng verbunden. Im neuen Amt nutzt Schmidt alle Möglichkeiten, eine »Fortsetzung seiner Politik mit anderen Mitteln« zu betreiben.Dafür legt er unzählige Flugmeilen zurück, trifft Partner von einst, knüpft aber auch neue Kontakte. Beharrlich arbeitet er an den für ihn wichtigen Themen: die europäische Einigung, internationale Sicherheit sowie Wirtschaft und Finanzen. Medial höchst präsent, wird sein politisches Urteil immer gefragter – der »alte« Schmidt ist bei den Deutschen weitaus beliebter als noch der Bundeskanzler.  

1974–1982 »Deutscher Herbst«

Das Jahr 1977 steht in der Bundesrepublik bis heute für den Terror der Roten Armee Fraktion (RAF). Diese sieht sich seit Anfang des Jahrzehnts im Kampf gegen den westlichen »Imperialismus« und die kapitalistische Wirtschaftsordnung. Nachdem die Gruppe um Andreas Baader und Ulrike Meinhof 1972 gefasst wird, versucht eine »zweite Generation« der Terroristen, Gefangene durch Entführungen freizupressen. Seit 1975 gibt die Regierung unter Helmut Schmidt solchen Versuchen nicht nach. Im Kampf gegen den Terrorismus geht sie bis an die Grenze dessen, was der Rechtsstaat erlaubt.

Innenansichten der Macht

Knapp drei Jahrzehnte lang ist Helmut Schmidt hauptberuflich Politiker: zunächst Abgeordneter im Bundestag, dann Hamburger Senator, später SPD-Fraktionsvorsitzender in Bonn, schließlich Bundesminister und Bundeskanzler. Früh eignet er sich dabei charakteristische Arbeitsweisen an, etwa die intensive Textredaktion oder die kontroverse Diskussion mit engsten Vertrauten. Zu den unübersehbaren Schattenseiten dieses Lebens gehören die fehlende Privatsphäre und zunehmende Gesundheitsprobleme.

Kanzlerschaft

Nach seiner Wahl zum Bundeskanzler im Mai 1974 setzt Helmut Schmidt den politischen Kurs seines Vorgängers Willy Brandt fort. Das 1976 von der SPD verabschiedete »Modell Deutschland« steht für ein großes gesellschaftliches und wirtschaftliches Reformprogramm: Steigerung des Lebensstandards, Humanisierung der Arbeitswelt und mehr Bildungsgerechtigkeit. Bereits als Finanzminister musste Schmidt jedoch erkennen, dass die Verteilungsspielräume in Zeiten von Wirtschafts- und Strukturkrisen immer enger werden. Seine Kanzlerschaft zeigt einen Übergang von der »Planungseuphorie« der 1960er-Jahre hin zu einem nüchternen und pragmatischen Politikstil. Schmidts größte Stärke ist die internationale Ausrichtung insbesondere seiner Wirtschafs- und Währungspolitik. Im eigenen Land jedoch gelingt es Schmidt letztendlich nicht, die Reformkräfte der »Neuen Sozialen Bewegungen« mit seinem Verständnis sozialdemokratischer Politik zu versöhnen – und seine Partei will dem zunehmend wirtschaftsfreundlichen Kurs des Koalitionspartners FDP immer weniger folgen.  

1974–1982 Deutschland, Europa und die Welt

Im Feld der deutsch-deutschen Beziehungen setzt Helmut Schmidt weitgehend die unter Kanzlervorgänger Willy Brandt begonnene »Entspannungspolitik« mit der DDR fort. Seine persönliche Kriegserfahrung begründet den festen Willen, durch das »Tandem« mit dem Nachbarland Frankreich eine stabile europäische Friedensordnung zu schaffen und zu bewahren. In transatlantischer Perspektive plädiert er für neue Formate des kooperativen Krisenmanagements wie die von ihm mitbegründeten »Weltwirtschaftsgipfel«.

An der Nahtstelle des »Kalten Kriegs«, Berlin, 11.06.1982

Im Rahmen einer Europareise besucht US-Präsident Ronald Reagan im Juni 1982 die Bundesrepublik, um für seine Rüstungspolitik zu werben. Begleitet von Kanzler Schmidt trifft er in Berlin den Regierenden Bürgermeister Richard von Weizsäcker am dortigen »Checkpoint Charlie«. Diese Kontrollstelle erlaubt Angehörigen der alliierten Staaten den Übergang zwischen dem West- und dem Ostteil der Stadt – an der Grenzlinie der beiden Teile Deutschlands und damit auch der Militärbündnisse NATO und Warschauer Pakt.

Ungehorsam in Uniform, Bonn, 10.06.1982

Eine kleine Gruppe von Soldaten beteiligt sich hinter eigenem Transparent an einer Friedensdemonstration. Sie müssen mit disziplinarrechtlichen Konsequenzen rechnen, weil die uniformierte Teilnahme an politischen Kundgebungen ausdrücklich untersagt ist. Gegen die »Nachrüstungs«-Pläne der Regierung Schmidt wenden sich auch einzelne hochrangige Offiziere: Generalmajor Gert Bastian etwa ist Mitinitiator des millionenfach unterschriebenen »Krefelder Appells« für Abrüstung.