Otto von Bismarck und seine Zeit

Eine Haarlocke von Karl Ludwig Sand

Einst gehörte diese Haarlocke zum Schopf von Karl Ludwig Sand. Er wurde im Alter von 24 Jahren am 20. Mai 1820 hingerichtet. Bestraft wurde er für die Ermordung von August von Kotzebue am 23. März 1819. Er hatte den Dramatiker und Generalkonsul im Dienst des Zarenreiches als Feind der akademischen Freiheit und deutschen Einheit angesehen. Seine Haarlocke war – soweit bekannt ist – während seines Gefängnisaufenthaltes in den Besitz der Tochter des Gefängnisarztes gelangt und wurde auf Umwegen später an Otto von Bismarck weiterverschenkt.

Foto: © Otto-von-Bismarck-Stiftung / Fotograf: Jürgen Hollweg
 

Entlassungszeugnis Otto Eduard Leopold von Bismarcks vom 3. April 1832 (Reproduktion)

Otto von Bismarck legte 1832 am Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin das Abitur ab. Wie das Entlassungszeugnis zeigt, war er weder an den Naturwissenschaften noch an Geschichte oder Geographie besonders interessiert. Ihm lagen die Sprachen, Englisch und Französisch beherrschte er fließend. Im Zeugnis ist unter der Kategorie „Fleiß“ hingegen vermerkt, dass dieser „zuweilen unterbrochen“ gewesen sei, auch fehlte seinem Schulbesuch „unausgesetzte Regelmäßigkeit.“

Abbildung: © Otto-von-Bismarck-Stiftung / Fotograf: Jürgen Hollweg
 

Der Brautwerbebrief

Nachdem er 1839 von seinem Vater das Gut Kniephof in Pommern übernommen hatte, erwarb sich Otto von Bismarck den Ruf eines „tollen Junkers“. Auf der Hochzeit seines Freundes Moritz von Blanckenburg mit Marie von Thadden-Trieglaff, der auch Bismarck sehr zugetan war, lernte er deren Freundin Johanna von Puttkamer kennen. Nach einer gemeinsamen Reise der Vier in den Harz hielt Bismarck mit diesem Brautwerbebrief am 21. Dezember 1846 bei Heinrich von Puttkamer um die Hand von dessen Tochter Johanna an. Da die Familie zum Kreis der pommerschen Erweckungsbewegung um Adolf von Thadden-Trieglaff und die Brüder Ernst und Leopold von Gerlach gehörte, gebrauchte er pietistische, also besonders fromme Formeln, um die Vorbehalte gegen ihn zu zerstreuen. Obwohl der Brautwerbebrief  rhetorisch brillant war, blieb Heinrich von Puttkamer ob des Vorlebens des Bewerbers skeptisch und ließ sich erst nach einem persönlichen Gespräch bei einem Besuch Bismarcks überzeugen.

Abbildung: © Otto-von-Bismarck-Stiftung / Fotograf: Jürgen Hollweg
 

Reisepass

1859 wurde Otto von Bismarck zum preußischen Gesandten am russischen Hof in St. Petersburg ernannt. Für seine Reise in die damalige russische Hauptstadt erhielt er vom preußischen Prinzregenten Wilhelm einen Reisepass, der ihm als Diplomaten freies Geleit zusicherte. Das Dokument ist in Französisch verfasst, das Mitte des 19. Jahrhunderts noch immer die vorherrschende Sprache des europäischen Adels und damit auch der Diplomatie war. Es besaß ein Jahr lang Gültigkeit.
Für die 1.700 Kilometer lange Reise nach St. Petersburg benötigte Bismarck im März 1859 mit Eisenbahn und Kutsche eine Woche.

Abbildung: © Otto-von-Bismarck-Stiftung / Fotograf: Jürgen Hollweg
 

Schützenscheibe

Schützenscheiben gehen auf vorchristliche Traditionen des Vogelschießens zurück, die sich ab etwa der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts vom Schießen auf Holzvögel zum Schießen auf Scheiben mit Vogelmotiven wandelten. Diese Scheiben wurden im Laufe der Zeit zu einer immer aufwendiger gestalteten Volkskunst.

Spätestens in der Napoleon-Zeit zogen in die Darstellungen kritische politische Motive ein. Diese 1867 gestiftete Schützenscheibe veranschaulicht aus süddeutscher Perspektive die Widerstände gegen die deutsche Einigung unter preußischer Führung. Zu sehen ist der deutsche Michel, der einen Soldaten mit Pickelhaube am Galgenstrick hält bzw. zieht. Veranschaulicht wird so, dass für viele Süddeutsche Preußen das Symbol des Obrigkeitsstaats war. Einen Zusammenschluss mit dem Norddeutschen Bund betrachteten sie als eine Gefährdung ihrer Unabhängigkeit und der von ihnen bereits errungenen liberalen Rechte – diese waren seit der Französischen Revolution und der Ära des stark kritisierten Napoleons eine Besonderheit der ehemaligen Rheinbundstaaten und ihrer liberalen Reformen im Sinne des Code Civil.

Foto: © Otto-von-Bismarck-Stiftung / Fotograf: Jürgen Hollweg
 

Brief Otto von Bismarcks an seinen Vater Ferdinand, 29. September 1838

Nach Abschluss seines Jurastudiums war Bismarck „Referendarius“; bald aber wurde ihm klar, dass er diese Ausbildung nicht beenden wollte. Daher richtete der 23-Jährige an seinen „lieben Vater“ einen Brief, in dem er seine Argumente wiederholte, die er zuvor in einem Schreiben an seine Cousine Caroline von Malortie ausgeführt hatte. Dieser „Orchesterbrief“ gilt als ein biografisches Schlüsseldokument.

Bismarck schrieb an seinen Vater, der selbst zum königstreuen, konservativen Landadel in Preußen gehörte: „[…], dass für mich die Notwendigkeit, ein Landjunker zu werden, nicht vorhanden war, ist auch meine Meinung; auf der anderen Seite werden Sie aber […] nicht im Ernste behaupten können, daß die einem Jeden gegen sein Vaterland obliegenden Pflichten von mir grade fordern sollten, daß ich Administrativ-Beamter werde […]. Der preußische Beamte gleicht dem Einzelnen im Orchester; mag er die erste Violine oder den Triangel spielen: ohne Übersicht und Einfluss auf das Ganze, muss er sein Bruchstück abspielen, wie es ihm gesetzt ist, er mag es für gut oder schlecht halten. Ich will aber Musik machen, wie ich sie für gut erkenne, oder gar keine.“


Abbildung: © Otto-von-Bismarck-Stiftung / Fotograf: Jürgen Hollweg
 

Geteilter Stuhl

In diesem Raum, in dem die sogenannten Reichseinigungskriege thematisiert werden, hat sich eine Karikatur in ein ausdrucksstarkes Ausstellungsstück verwandelt: in einem – unbrauchbaren – roten Sessel.

Auf der zeitgenössischen Karikatur, die an der Wand gezeigt wird, zersägen zwei Offiziere einen Stuhl. Dem damaligen Betrachter ging sofort auf, dass es sich bei ihnen um Österreich und Preußen handelte, die im Begriff waren, im Streit um Schleswig und Holstein etwas anderes zu zerstören, das sie eigentlich einte: Deutschland. Da man sich nicht einigen konnte, wem es ganz gehören sollte, teilte man den gemeinsamen Deutschen Bund in zwei für sich jeweils (unbrauchbare?) Hälften.
 

Frankfurter Friedensfeder

Mit dieser Feder unterzeichnete Otto von Bismarck am 10. Mai 1871 den Friedensvertrag mit Frankreich. Nach langen Verhandlungsmonaten wurde durch den Frankfurter Frieden der Deutsch-Französische Krieg beendet.

Als dieser Krieg im Sommer 1870 ausbrach, gingen die beteiligten Länder von einer Dauer von nur wenigen Wochen aus. Tatsächlich waren die Schlachten rasch geschlagen und Kaiser Napoleon III. musste das Ende seiner Regentschaft anerkennen. Aber die neue republikanische Regierung in Paris widersetzte sich lange der Kapitulation. Nachdem sie schließlich in einen Vorfriedensvertrag eingewilligt hatte, erweiterte sich der Krieg zu einem Bürgerkrieg. Dieser erschwerte es der französischen Führung und den deutschen Besatzern, einen „Weg aus dem Krieg“ zu finden. So dauerte es vom Vorfrieden von Versailles am 26. Februar 1871 noch einmal mehr als zwei Monate, bis Jules Favre im Frankfurter Hotel zum Schwan für Frankreich seine Unterschrift Friedensvertrag setzte. Dieser sah unter anderem eine hohe Kriegsentschädigung Frankreichs und die Abtretung Elsass-Lothringens an das Deutsche Reich vor. Die Beziehungen der beiden Staaten zueinander wurden damit politisch schwer belastet.

Foto: © Otto-von-Bismarck-Stiftung / Fotograf: Michael Zapf

 

Tischgong

Otto von Bismarck hatte als Kind seiner Zeit keine prinzipiellen Bedenken gegen den Kolonialismus. Dieser hatte sich seit den Entdeckungen der Spanier und Portugiesen am Beginn des 16. Jahrhunderts entwickelt und setzte sich aus einer Mischung unterschiedlicher Absichten und Praktiken zusammen: aus zivilisatorisch-kultureller und religiöser Sendung, wirtschaftlicher Ausbeutung der einheimischen Bevölkerung und des Landes mit seinen Rohstoffen und Nahrungsmitteln sowie der Erweiterung der Herrschaftssphären der europäischen Mächte zu weltweiten Kolonialreichen.

Bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts gehörte als eines der finstersten Kapitel der Geschichte auch die millionenfache Versklavung von Afrikanern als rechtlose Arbeitskräfte in Nord- und Südamerika dazu. Unter den europäischen Mächten und in den USA setzte sich dann im Geist des Abolitionismus (Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei) das Ziel durch, diese inzwischen als unchristlich empfundene Praxis zu beenden.

Der Eintritt Deutschlands in die Kolonialpolitik erfolgte 1884/85 mit der Inbesitznahme von ersten „Schutzgebieten“ als Vorstufen von Kolonien in Afrika und Asien. Bismarck folgte damit dem Werben von Kaufleuten, die bereits gegründete Handelsniederlassungen staatlich absichern lassen wollten. Seine Sorge, auf außereuropäischen Schauplätzen neue Konflikte mit anderen Großmächten hervorzurufen, konnte er dabei außer Acht lassen, da er die außenpolitische Situation in dieser Phase als weniger gefährlich einschätzte. Bald aber kehrte er zu seiner prinzipiellen Skepsis zurück. Allerdings bezog sich diese auf den diplomatischen Status quo des Deutschen Reiches und dessen finanzielle Belastung bei kolonialer Betätigung, weniger auf das europäische und nun auch deutsche Ausgreifen auf fremde Küsten, Hinterländer und deren Bewohner an sich.

Geschenke wie der im Zusammenhang mit der von Bismarck initiierten Afrika-Konferenz überreichte Tischgong mit der eingravierten Karte Afrikas und Loblieder drückten die Verehrung der Kolonialpioniere für den Reichsgründer aus.

Foto: © Otto-von-Bismarck-Stiftung / Fotograf: Jürgen Hollweg

Das Eisenwalzwerk, 1872–1875

Mit dieser großformatigen Reproduktion des Gemäldes von Adolph Menzel (1815 – 1915) wird die Industrialisierung in den Blick gerückt. Sie war der große Motor der gesellschaftlichen Veränderungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, denn sie bedeutete durch Verstädterung und Landflucht einen Wandel der Lebensverhältnisse, wie es ihn zuvor noch nie gegeben hatte. Die Mobilität wuchs, mancher wanderte nicht nur in die industriellen Zentren Schlesiens, Sachsens und des Ruhrgebiets, sondern bestieg gleich in Hamburg oder Bremen ein Auswandererschiff. Die im Land bleibenden Fabrikarbeiter fanden bald zu einer politischen und betrieblichen Organisation ihrer Interessen in katholischen Vereinen, Gewerkschaften und der Sozialdemokratie. Bismarck begegnete den berechtigten Forderungen dieser wachsenden Gesellschaftsschicht mit der Sozialgesetzgebung, die eine Altersrente, eine Krankenversicherung und eine Invaliditätsversicherung umfasste.
 

Dänischer Andenkenteller

Leihgabe aus dem Museum Sønderjylland, Schloss Sonderburg

Dieser Andenkenteller zeigt Mädchen aus Südjütland – oder Nordschleswig. Mit Gegenständen wie diesem wurde in Dänemark die Trauer über den Gebietsverlust nach dem Deutsch-Dänischen Krieg 1864 ausgedrückt.

Die Herzogtümer Schleswig und Holstein, die zuvor in Personalunion mit der dänischen Krone verbunden gewesen waren, wurden nach der Niederlage Dänemarks als gemeinsame Provinz in den preußischen Staat eingegliedert. In Artikel V des Prager Friedens hatte der Kaiser von Österreich zuvor seine Rechte an den Herzogtümern an den König von Preußen mit der Maßgabe abgegeben, „dass die Bevölkerung der nördlichen Distrikte von Schleswig, wenn sie durch freie Abstimmung den Wunsch zu erkennen geben, mit Dänemark vereinigt zu werden, an Dänemark abgetreten werden sollen“. Preußen brach diesen Vertrag und ließ die Volksabstimmung nicht abhalten. Die heutige Grenzziehung geht auf eine Volksabstimmung im Jahre 1920 zurück, mit der Nordschleswig/Südjütland ein Teil Dänemarks wurde.

Foto: © Otto-von-Bismarck-Stiftung / Fotograf: Jürgen Hollweg

 

Otto von Bismarck

Gemälde von Franz von Lenbach, 1890

Bismarcks Gesuch um Entlassung vom 18. März 1890 ist das letzte große Dokument seiner beinahe vierzigjährigen Amtszeit. Er setzte es mit großer Sorgfalt auf. Darin stellte er sich als Garanten der bestehenden Ordnung dar, der für die „Abenteuerpolitik“ Kaiser Wilhelms II. keine Verantwortung übernehmen könne. Franz von Lenbach hat diesen letzten Auftritt des amtierenden Kanzlers für die Nachwelt in Szene gesetzt. Dabei hat er Bismarck einen melancholischen Gesichtsausdruck gegeben, der als Deutung eine Vorahnung des Kommenden –  das Ende des Reichs – zulässt.

Die Wirkung des Kunstwerks lässt solche Zuschreibungen zu, historisch zulässig sind solche Interpretationen nicht. Denn um 1890 gab es neben den USA, der Schweiz und Frankreich keine weiteren Demokratien, sondern nur Monarchien. Revolutionen waren außer in Frankreich nicht nachhaltig erfolgreich, das nächste Ende einer Monarchie, 1910 in Portugal, lag noch in weiter Ferne.

Was Lenbach vielmehr zum Ausdruck bringen wollte, ist eine gewisse Entrückung im Alter, ein Weicher-Werden im ansonsten von Strenge und Schärfe geprägten Politikerleben, und, so scheint es, auch ein gewisses Versöhnt-Sein mit dem Ausscheiden aus dem oft als Last empfundenen Dienst. Die auch von Anton von Werner und anderen Malern eingefangenen oft ein wenig wässerigen Augen sind hier weniger deutlich, aber bei genauem Hinsehen doch zu erkennen in einem Licht, von dem man meint, dass es schwindet. Dieses Gemälde bildet den Schlusspunkt zu dem Teil der Ausstellung, der Bismarcks Jahre als aktiver Staatsmann umfasst – zugleich ist es in der symbolhaften Verdichtung ein Übergang zum Bismarck-Mythos, der sich anschließt.
 

Dropping the Pilot – der Lotse geht von Bord

Karikatur, am 29. März 1890 erschienen in der Londoner Satirezeitschrift „Punch“

Kaiser Wilhelm II. ist als scheinbar passiver Beobachter zu sehen, der an der Reling lehnt und entspannt den Abgang Otto von Bismarcks beobachtet. Der Zeichner John Tenniel (1820 – 1914) dürfte den scheidenden Reichskanzler dabei weniger als Lotsen gesehen haben, wie es die populäre deutsche Übersetzung nahelegt, die unter preußischer Zensur entstand. Mit Bismarck verließ eher der Steuermann (wie „Pilot“ auch übersetzt werden kann) das „Staatsschiff“ – wobei „dropping“ durchaus mit „fallenlassen“ übersetzt werden kann, in der Fachsprache der Seefahrt lässt man damit jemanden von Bord gehen.

Bismarcks Stimme

Vor über 130 Jahren kam es zu einer einzigartigen Tonaufnahme: Adelbert Theodor Wangemann nahm am 7. Oktober 1889 in Friedrichsruh mit einer sensationellen neuen Erfindung, dem Phonographen, Bismarcks Stimme auf.

Erfunden hatte diesen Phonographen – eine Apparatur zur Aufnahme und zum Abspielen von Tönen – der US-amerikanische Erfinder Thomas Alva Edison im Jahr 1877. Nach einigen Weiterentwicklungen – so war die Walze inzwischen nicht mehr aus Zinnfolie, sondern aus einem wachsähnlichen Material – schickte er 1889 seinen aus Berlin stammenden Assistenten Wangemann damit über den Atlantik. Nach Vorführungen auf der Weltausstellung in Paris und vor deutschen Wissenschaftlern bemühte dieser sich dann um den Kontakt zu bedeutenden Persönlichkeiten, um deren Stimmen aufzunehmen.

In Friedrichsruh ließ sich Bismarck das Gerät vorführen und zu einer Aufnahme überreden, auch von seiner Frau Johanna, die von dieser neuen technischen Möglichkeit begeistert war und selbst eine – verschollene – Walze besprach. Die Aufnahme der Stimme des ersten Reichskanzlers spielte Wangemann später Generalfeldmarschall Helmuth von Moltke vor, der die Stimme Bismarcks erkannte und selbst vier Walzen besprach, von denen heute noch zwei erhalten sind. Ihnen kommt ein besonderer historischer Stellenwert zu: Nur auf ihnen ist die Stimme eines im 18. Jahrhunderts geborenen Menschen zu hören.

Viele der Walzen galten lange Zeit als verschollen. 1957 wurde zwar in Edisons Bibliothek, die nun Teil des damals neu gegründeten Thomas Edison National Historical Park in West Orange, New Jersey, war, eine Holzkiste mit Phonographenwalzen entdeckt. Diese wurden aber einfach nur im Museumsdepot untergebracht und später katalogisiert. Erst 2011 kam es zur Wiederentdeckung: Nachdem die Aufnahmen digitalisiert worden waren, konnte der Tonhistoriker Stephan Puille die Stimme Bismarcks eindeutig identifizieren.

Bismarck gab mit der Aufnahme eine Kostprobe seiner Mehrsprachigkeit: Auf die ersten Zeilen des Volksliedes „In Good Old Colony Times“ folgt der Anfang der Heldenballade „Schwäbische Kunde“ von Ludwig Uhland von 1814, einige Zeilen des lateinischen Studentenliedes „Gaudeamus igitur“, dann die erste Strophe der Marseillaise und schließlich eine Aufforderung an seinen Sohn, sich sittlich zu betragen. Diese Nachricht kam auch an: Wangemann hatte Bismarck zuvor berichtet, dass er nach Budapest weiterreisen werde, wo sich Herbert von Bismarck aufhielt – und so wusste der Vater, dass die Nachricht seinen Sohn erreichen würde.

In der Ausstellung wird ein Edison-Phonograph aus dem Jahr 1905 gezeigt. Dieser entspricht in seiner Grundbauweise weitgehend dem von Adelbert Theodor Wangemann 1889 benutzten „Class M“-Modell. Die ebenfalls ausgestellte Walze ist eine Kopie der Originalaufnahme.

Fotos: © Otto-von-Bismarck-Stiftung / Fotograf: Jürgen Hollweg

Die Aufnahme ist auf unserem YouTube-Kanal zu hören.

Bismarck-Mythos

Bismarck wurde von seinen Anhängern bereits zu Lebzeiten glühend verehrt und mit Geschenken überhäuft. Straßen und Plätze, Schulen und Apotheken, Gasthäuser und Nahrungsmittel wurden nach ihm benannt, 16 Türme und Säulen wurden als touristische Attraktionen und politische Setzungen für ihn errichtet.

Nach Bismarcks Tod 1898 folgten noch mehr als 220 weitere Bismarck-Türme, begleitet von einer Vielzahl von Denkmälern. Der Bismarck-Kult wuchs architektonisch und vor allem ideologisch zu einem regelrechten Bismarck-Mythos, die Vorstellung vom „Reichsgründer“ als Heldenfigur überlagerte immer mehr den realen Politiker mit seinen Leistungen und Fehlleistungen. Die oberflächlichen Zuschreibungen entfernten sich immer mehr von den historischen Wirklichkeiten: Als „Reichsgründer“ wurde er mythisch überhöht, als „Sozialistenfresser“ und Verfolger des Katholizismus ohne Zwischentöne verdammt.
Der durch die Pervertierungen in den Diktaturen des 20. Jahrhunderts diskreditierte politische Personenkult kann hier an kleineren Objekten beobachtet werden, die meist noch zu seinen Lebzeiten entstanden und den Bismarck-Mythos in noch verhältnismäßig harmlosen „Kinderschuhen“ zeigen.

Foto: © Otto-von-Bismarck-Stiftung / Fotograf: Jürgen Hollweg